Vom Wandel der Arbeit, oder was zukünftig noch davon übrig bleibt!

Wir erleben gerade einen atemraubenden Wandel in unserer Arbeitswelt. So wird der Begriff heute völlig anders interpretiert als noch ein oder zwei Generationen zuvor. Sowohl der Zweck der Arbeit, die Inhalte und Ausgestaltung der Arbeit mit den Rahmenbedingungen erleben einen unglaublichen Umbruch und es stellt sich zunehmend die Frage, wohin uns das alles führen wird.
Karl Marx schreibt man die Aussage zu, dass Arbeit eine Ware sei, die ihr Besitzer, der Lohnarbeiter, an das Kapital verkaufe, um zu leben.

Dabei kommen unweigerlich Bilder von Fabriken in uns hoch, in denen Tausende von Lohnarbeitern mit Hilfe von Maschinen ihre Arbeit verrichten. Teilweise an sechs Tagen die Woche mit jeweils zehn Stunden täglich, ohne genügend zu verdienen, damit es für die Familie zum Leben reicht. Dies gehört sicherlich in Europa der Vergangenheit an. Solche Szenen kennen wir heute nur noch aus Berichten zu Textilfabriken in Bangladesch oder aus Beschreibungen in Museen, wie z.B. dem Textilmuseum in Augsburg.

Arbeit wird heutzutage immer weniger als reiner Lohnerwerb verstanden. Gerade die Generation Z (geboren zwischen 1995 und 2009) versteht Arbeit als Teil ihrer eigenen Identität und sieht deren Bedeutung weit über die reine Existenzsicherung hinausgehend. Sie „legen großen Wert darauf, als Individuen mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden und nicht als ‚lebende Maschine‘… zudem ist es ihnen besonders wichtig, einer sinnstiftenden und erfüllenden Tätigkeit nachzugehen.“ (Tiba, 2021). Das hat sicherlich auch mit dem Inhalt der Arbeit zu tun, bei dem es sich immer weniger um eine manuelle Routine, sondern zunehmend um interessante ko-kreative Wissensarbeit handelt.

Letzteres erfüllt die drei Grundbedürfnisse von Menschen nach der Selbstbestimmungstheorie der Psychologen Ryan und Deci (2018), nämlich Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit. Mit Autonomie ist das Bedürfnis des Menschen gemeint, selbst wählen zu können, was er wann und wie macht und hierfür auch einen ausreichend großen Gestaltungsspielraum eingeräumt bekommt, um dann die eigene Kompetenz auszuspielen und weiterzuentwickeln. Idealerweise geschieht das mit anderen Menschen zusammen. Die Befriedigung dieser drei Grundbedürfnisse steht im direkten Zusammenhang mit effektivem Verhalten und psychischer Gesundheit und wird zur Anforderung für die Gewinnung und Bindung von Leistungsträgern. Da passt es gut ins Bild, wenn eine zunehmende Digitalisierung und Automatisierung von Routineaufgaben die Fokussierung auf das ermöglicht, was wir „wirklich, wirklich wollen“ (Bergmann, 2004).

Letztlich müssen aber auch die Rahmenbedingungen passen. Und hier steckt häufig der Teufel im Detail. So stellt sich die Frage, wie das oben skizzierte, und häufig unter dem Begriff „New Work“ subsummierte Verständnis moderner Arbeit, mit hierarchischen Organisationsformen und einem überkommenen Führungsverständnis in vielen Unternehmen zusammenpassen soll. Häufig endet das dann als „Business Theater“ (Vollmer, 2016). Moderne Netzwerkorganisationen, z.B. auf Basis des Zellstrukturdesigns (Pfläging und Hermann, 2020) lassen immer noch auf sich warten. Zu groß sind die Widerstände, vor allem bei den Führungskräften, deren Rolle sich am meisten ändert und die vor allem einen Machtverlust fürchten (Väth, 2016). Dabei gäbe es genügend für sie zu tun, z.B. als Moderatoren, Mentoren oder Vernetzer. So zeichnen Boltanski und Chiapello (2018) das Bild einer Projektgesellschaft, in der sich die Menschen in Projekten immer wieder neu zusammenfinden, um an interessanten Aufgaben zu arbeiten. Nach Beendigung der Zusammenarbeit gehen sie dann in veränderter Konstellation neue Aufgaben an. Um diese Vernetzung zu ermöglichen, braucht es eine spezifische Rolle, nämlich des Vernetzers, einer neuartigen Aufgabe für Führungskräfte, mit hohen Anforderungen und Chancen.

Wohin wird uns diese Entwicklung führen? Wird uns die Arbeit ausgehen, wie einige Studien und Autoren vorhersagen (u.a. Susskind, 2020)? Sicherlich nicht. Wie schon seit Beginn der Menschheit werden sich die Rahmenbedingungen und Anforderungen an die Arbeit weiter verändern. Mit der Digitalisierung, Automatisierung, der Künstlichen Intelligenz und den modernen Informations- und Kommunikationstechnologien werden neue Möglichkeiten geschaffen, die selbstbestimmteres und von Organisationen unabhängigeres Arbeiten ermöglichen. Eine lebenslange Beschäftigung bei ein und demselben Unternehmen wird zur Ausnahme, die selbstständige, projekthafte Erledigung von Arbeiten von zuhause aus, zum Normalfall. Dabei wird sich auch die Aufteilung der Zeit ändern, die für die Arbeit bzw. Familie, Freizeit und persönlicher Weiterentwicklung aufgebracht wird. Rutger Bregman (2020) sieht sogar die Zeit gekommen für die 15-Stunden-Woche und das bedingungslose Grundeinkommen. Die Idee dahinter ist, dass alle Menschen von Geburt an lebenslang regelmäßig vom Staat so viel Geld erhalten, wie sie zum Leben brauchen. Quasi als Grundrecht und ohne, dass sie etwas dafür tun müssen.

Damit ließe sich in einer Gesellschaft auch das Dilemma überwinden, das durch die technologische Entwicklung entsteht, nämlich die Gefahr einer Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen, die angesichts ständig steigender Qualifikationsanforderungen nicht mehr mithalten können.
So verlockend ein selbstbestimmtes Arbeitsleben klingen mag, die in der Pandemie gesammelten Erfahrungen haben uns gelehrt, welchen Mehrwert das persönliche Miteinander im Unternehmen im Vergleich zur Tätigkeit aus dem Homeoffice heraus bringt. So wundert es sicher nicht, wenn die ‚Generation Z‘ die beiden Themen Flexibilität und Work-Life-Balance neben der Digitalisierung am stärksten mit dem Konzept „New Work“ assoziiert und sich die große Mehrheit mehr Flexibilität wünscht, was Arbeitsort und -zeit angeht. Interessanterweise lehnen jedoch 2/3 der Befragten in unserer Studie die Vermischung von Arbeit und Freizeit ab (Tiba, 2021). Es bleibt abzuwarten, wie dies die ‚Generation Alpha‘ sieht.

Autor: Reinhard Wagner, Geschäftsführer der Tiba Managementberatung GmbH

Alle Beiträge im Überblick

Literatur:
• Bergmann, Frithjof (2004): Neue Arbeit, Neue Kultur. Freiamt, Arbor Verlag
• Boltanski, Luc und Chiapello, Eve (2018): The New Spirit of Capitalism. London, Verso
• Bregmann, Rutger (2019): Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen. Hamburg, Rowohlt Taschenbuchverlag
• Herzog, Lisa (2019): Die Rettung der Arbeit. Ein politischer Aufruf. München, Carl Hanser Verlag
• Pfläging, Niels und Hermann, Silke (2020: Zellstrukturdesign. Eine neue Sozialtechnologie, die unternehmerischer Wertschöpfung Flügel verleiht. München, Verlag Franz Vahlen
• Ryan, Richard and Deci, Edward (2018): Self-Determination Theory: Basic Psychological Needs in Motivation, Development, and Wellness. New York, Guilford Publications
• Susskind, Daniel (2020): A World Without Work. Technology, Automation and How We should Respond. New York, Metropolitan Books
• Tiba (2021): Transformationsbedarf für Unternehmen aus Sicht der Generation Z. Eine Gemeinschaftsstudie der Tiba Managementberatung GmbH und dem Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen e.V. München, Tiba Managementberatung GmbH
• Väth, Markus (2016): Arbeit. Die schönste Nebensache der Welt. Offenbach, GABAL Verlag
• Vollmer, Lars (2016): Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden. Wien, Linde Verlag

Eine Antwort zu “Vom Wandel der Arbeit, oder was zukünftig noch davon übrig bleibt!”

  1. Christine sagt:

    Danke für den tollen Artikel, die besonders in Zeiten ­­­­­des Arbeitswandels aktuell ist. Dank diesem tollen Artikel habe ich neues Know-how erworben. Ich wünsche Tiba weiterhin viel Erfolg!

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