Goldene Beraterregel Nr. 10: Folge Deinem gesunden Menschenverstand

In den bisherigen Ausgaben des Tiba-Magazins haben wir Ihnen in lockerer Reihenfolge die zehn goldenen Beraterregeln der Tiba vorgestellt. Eine hatten wir bisher zurückgehalten – die goldene Regel Nr. 10. Diese heißt schlicht: »Folge Deinem gesunden Menschenverstand!«

BoxhandschuhGerade der zur Zeit tobende dogmatische Streit zwischen den Vertretern des „klassischen Projektmanagements“ und den Fans des „agilen Projektmanagement“ zeigt die Wichtigkeit dieses Grundsatzes. Meines Erachtens ist diese sogar die wichtigste Regel für Beraterverhalten. Manche Berater, das gilt nicht nur für Projektmanagement-Berater, neigen dazu, eine ihnen beigebrachte oder ihnen plausibel erscheinende Managementtheorie unbedingt ihren Kunden aufobtruieren zu wollen, egal ob sie für die jeweilige Problemlösung wirklich passt, von den beteiligten Stakeholdern akzeptiert oder kulturell im Rahmen des bestehenden Unternehmensleitbildes und -Kontextes umgesetzt werden kann. Dabei neigen Berater zuweilen dazu, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren und das heißt schlicht: Dem beratenen Unternehmen bei einer definierten Problemstellung eine Lösung zu bieten, die von diesem Unternehmen schnell und erfolgreich umgesetzt werden kann. Nichts mehr. Bei der Einzel-Projektberatung geht es um nichts anderes als dem Unternehmen zu helfen, sein Projektziel im festgelegten Zeit- und Kostenrahmen zu erreichen, im Zweifel auch mit unkonventionellen Methoden, die einfach aus der Erfahrung stammen.

Erst vor kurzem hatte ich erlebt, wie erfolgreich arbeitende Projektleiter von ihrer Konzernrevision – mit Unterstützung externer Berater – mit Audits gequält wurden, die bis ins Detail Messungen durchführten, wie korrekt der Projektleiter die Vielzahl der Unternehmensregeln und –standards einhält. Dabei wurde übersehen, wie durch zunehmende Bürokratisierung des Projektablaufes die Projektgeschwindigkeit abnahm und der Projekterfolg gefährdet wurde. Gleichzeitig wurde anderen Projektleitern, die weitab von Projekterfolgen waren, ein hervorragendes Audit testiert, weil sie fast sklavisch alle Regeln einhielten. Bei einem solchen Vorgehen muss der „gesunde Menschenverstand“ eines Beraters Alarm schlagen. Gleiches gilt bei der Implementierung von Projektmanagement im Unternehmen. Es geht ausschließlich darum, den Unternehmen dabei zu helfen, künftig mehr Projekte bei gleichzeitig höherer Sicherheit und Transparenz sowie besserer Kosteneinhaltung realisieren zu können. Dabei ist Projektmanagement weder Selbstzweck noch Modeerscheinung. Es ist allerdings auch nicht nur eine Methodik, sondern eine Organisations- und Führungssystem, das immer mehr an Bedeutung gewinnt und auf klaren Regeln basiert. Aber Regeln müssen nicht kompliziert und bürokratisch sein.

Statt überbordender Standardisierung und detailbesessenen Regularien kann es zuweilen hilfreich sein, sich auf nur zehn kernige firmenspezifische Projektmanagementregeln zu konzentrieren, die dann aber auch zwingend in allen Projekten eingehalten werden und zu denen sich alle committen. Einfache, aber klar vereinbarte Regeln können mehr bringen als 300 Seiten Projektmanagement-Handbuch. Und bewahren Sie sich gerne vor Beratern mit „Management-Guru-Allüren“ – nicht jeder Trend und jeder Hype führt zu Erfolgen, viele gehen nach kurzer Zeit sang- und klanglos wieder unter. (Um Missverständnissen vorzubeugen: Agiles Projektmanagement ist weder Trend noch Hype, sondern ist eine Organisationsform und Methodik, die langfristigen Bestand haben wird mit unendlichem Effizienzsteigerungspotential).

Für (Tiba-) Berater bedeutet dies: Durchdenke Deinen Auftrag und wende die Verfahren, Methoden und Regelwerke an, die zu der Projektsituation und zu der Kultur des Unternehmens passen, das Du berätst. Hole Dir Anregungen aus Managementtheorien, wenn sie zu diesem Auftrag passen. Ordne den Auftrag aber nie einer Managementtheorie unter oder versuche, Dein Vorgehen zu sehr durch Theorien leiten zu lassen. Folge stattdessen Deinem gesunden Menschenverstand bei allen Empfehlungen, die Du gibst. Und denke immer daran, dass für Deine Kunden nicht das Konzept schwierig ist, sondern die Umsetzung.