Qualitätsmanagement und Auditierungen im Wandel

„Auslaufmodell Deutschland“ – so betitelte der Spiegel in einer aktuellen Ausgabe vom 11.05.2019 den Rückgang der deutschen Wirtschaftskraft. „Wir Deutschen sind längst nicht mehr so gut, wie wir glauben, das deutsche Modell ist nicht mehr zukunftsfähig. (…) »Im Ausland wird ´Made in Germany´ zunehmend entzaubert», warnt Wolfgang Reitzle, langjähriger BMW-Chef und heutiger Aufsichtsratschef des Industrieriesen Linde“ (Deckstein et al., 2019). Dass deutsche Produkte und Dienstleistungen weltweit hoch angesehen und gefragt waren und zum Großteil auch immer noch sind, verdanken wir vor allem hohen Qualitätsansprüchen. Doch welche Qualitätsansprüche und -standards gibt es? Welche Vor- und Nachteile bringen sie mit sich? Und wie muss und soll sich Qualitätsmanagement in einer agilisierenden Wirtschaftswelt wandeln? In diesem Blogbeitrag möchten wir uns diesen Fragen stellen und versuchen, diese zu beantworten.

Qualitätssicherung hat eine langjährige Tradition. Den Grundstein des Qualitätsmanagements legte Frederick W. Taylor bereits im frühen 20. Jahrhundert durch die Maximierung der Produktivität – Die Schnelligkeit der Arbeiter betrachtete er damals als Indikator für Qualität und zum ersten Mal in der Geschichte wurden Ergebnisse zur Qualitätssicherung statistisch erhoben und ausgewertet. (novumonline, 2011)
In den letzten 40 Jahren haben sich die Qualitätssicherung (QS) und die damit verbundenen QM-Methoden stetig weiterentwickelt. Vor allem in den 80er Jahren war ein wahrer Qualitätsboom zu verzeichnen: Mit dem fortschrittlichen Qualitätsmanagementsystem nach DIN ISO 9000 und deren nachfolgende Zertifizierungen und der ebenfalls in den 80ern aufkeimenden Diskussion um das Total Quality Management (TQM), konnte eine tiefgreifende Neuorientierung des Qualitätsbegriffs verzeichnet werden. (Benes, Feyerabend & Vossebein, 1997)
„Qualitätsmanagement wird [heute] weitestgehend assoziiert mit den ISO-Normen. Diese haben es sich zur Aufgabe gemacht, Qualitätsmanagement in den Organisationen weltweit zu standardisieren. (…) Ein ISO-Zertifikat wird (…) nach wie vor von vielen Kunden gefordert, und die Unternehmen sehen sich daher gezwungen, die Auditierung durchzuführen.“ (novumonline, 2011) Daher stellt sich die Frage: Welche Auditierungen gibt es und welche Argumente sprechen für diese Art der Qualitätssicherung?

Auditierungen und Qualitätsmanagement – eine Definition

Als wesentliche Qualitätsmanagement-Maßnahme werden Auditierungen zur Überprüfung von Prozessen, Produkten oder Systemen auf deren korrekte Einhaltung von Richtlinien oder Vorgaben eingesetzt.
Generell unterscheidet man zwischen internen und externen Audits. Interne Audits werden in Form von „Self-Assessments“ zur Überprüfung der eigenen Qualitätsstandards und im Rahmen eines KVP (= kontinuierlichen Verbesserungsprozesses) zur Optimierung eben dieser Standards eingesetzt. Die Zertifizierung eines Unternehmens gemäß einer bestimmten ISO Norm, bspw. der DIN ISO 9001, erfolgt im Zuge eines externen Audits, welches durch einen entsprechend qualifizierten externen Prüfer durchgeführt wird. Sehr gängig sind hier unter anderem Lieferantenaudits. Bei diesen werden Lieferanten, Zulieferer bzw. Dienstleister vom Kunden dahingehend geprüft, ob die Qualitätsstandards und Vorgaben des Kunden erfüllt werden.
Auch inhaltlich werden Auditierungen differenziert: Je nachdem, ob ein Managementsystem oder ein Prozess überprüft bzw. auditiert wird, spricht man von einem System- oder Prozessaudit. Zudem kann auch das Produkt eines Unternehmens selbst auditiert werden in Hinblick auf dessen Kongruenz mit den jeweiligen Produktanforderungen. Bei einem Compliance Audit wiederum betrachtet man die Erfüllung rechtlicher Anforderungen.
Das entscheidende Argument für viele Unternehmen, sich zertifizieren zu lassen, ist der immer höher werdende Anspruch der Kunden. Vor allem im angelsächsischen Bereich erwarten viele Konzerne bestimmte Qualitätsstandards von ihren Kunden. Oftmals werden Auditierungen aber auch als Marketing-Instrument genutzt, um sich von der Konkurrenz abzuheben.
Für einzelne Betriebe kann eine externe Auditierung aber vor allem die Chance bieten, Abläufe genau zu untersuchen und mögliche Fehlerquellen ausfindig zu machen. So können Fehler frühzeitig identifiziert und korrigiert werden. Dadurch lassen sich langfristig Kosten der Fehlerbehebung einsparen (Hempfling, 1997).
Dies geht einher mit den Umfrageergebnissen der Deutschen Gesellschaft für Qualität, welcher zufolge 60 Prozent der befragten Unternehmen „eine gesteigerte Wertschöpfung für ihr Unternehmen durch ´impulsstarke Audits´“ erwarten (dgq.de). Nicht von der Hand zu weisen, sind allerdings nicht zu verachtende Kosten, die eine Auditierung mit sich bringt. Gerade für kleine und mittelständische Unternehmen kann dies erhebliche finanzielle Herausforderungen bedeuten, um im internationalen Markt wettbewerbsfähig zu bleiben.
Esch und Leisenberg (1997) schreiben, dass Zertifizierungen eine umfangreiche Dokumentation verlangen, und vorgeschriebene Regeln und Abläufe strikt eingehalten werden müssen. Dadurch könne es zum Verlust der Kreativität und Einengung im Arbeitsablauf führen. Und dennoch, wie bereits zu Beginn des Blogs erwähnt, sind deutsche Qualitätsstandards bei weitem nicht mehr so gefragt, wie einst. Daher stellt sich die Frage, wie Qualitätsmanagement der Zukunft aussehen könnte, um Unternehmen, ihre Produkte, Prozesse oder Systeme noch weiter zu optimieren? Welche neuen Wege sollte das Qualitätsmanagement gehen, um weiterhin mithalten zu können?

Im nächsten Beitrag gehen wir auf diese Fragen ein und erläutern neueste Erkenntnisse über Qualitätsmanagement im agilem Umfeld.

 

Benes, G., Feyerabend, F.-K., & Vossebein, U. (Hrsg.). (1997). Qualitätsmanagement als interdisziplinäre Ausgabe. In Qualitätsmanagement als interdisziplinäres Problem (S. 1–8)

Esch, G., & Leisenberg, W. (1997). Zertifizierung im Mittelstand – Erwartung und Auditierung. In G. Benes, F.-K. Feyerabend, & U. Vossebein (Hrsg.), Qualitätsmanagement als interdisziplinäres Problem (S. 45–54). Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH

Deckstein, D., Hage, S., Jung, A., Sauga, M., Traufetter, G., & Zand, B. (2019, Mai 11). Auslaufmodell Deutschland. Der Spiegel, (20), 10–17.

Hempfling, R. (1997). Die Entwicklung zu umfassender Qualität. In G. Benes, F.-K. Feyerabend, & U. Vossebein (Hrsg.), Qualitätsmanagement als interdisziplinäres Problem (S. 9–26). Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

novumonline. (2011, Dezember 16). Vom Taylorismus zu EFQM – Unternehmenssteuerung mit Kennzahlen. Abgerufen 5. Juni 2019, von Das IT Management Magazin website: https://www.noventum.de/de/novum-artikel/Taylorismus.html

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