Megaprojekt FAIR – Realisierung der einzigartigen Teilchenbeschleunigeranlage in Darmstadt

Das Universum im Labor teilweise nachzubilden – nichts Geringeres ist das Ziel von FAIR, der einzigartigen Teilchenbeschleunigeranlage für die Forschung mit Antiprotonen und Ionen, die in Darmstadt entsteht. Ein Mega-Science-Projekt mit dem Ringbeschleuniger SIS100 als Herzstück. Welche komplexen Anforderungen das Projektmanagement zu bewältigen hat, erläutert der Technische Geschäftsführer » Jörg Blaurock im Gespräch.

 

Herr Blaurock, Sie leiten das Gesamtprojekt FAIR, eines der größten Neubauprojekte für die Forschung weltweit. Bei Fertigstellung wird der neue Ringbeschleuniger einen Umfang von mehr als einen Kilometer aufweisen und es werden 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit bei den beschleunigten Teilchen erreicht werden. Was macht Ihr Projekt darüber hinaus so außergewöhnlich?

Jörg Blaurock: Die Dimension und der bauliche Umfang von FAIR sind gewaltig. Bis zur geplanten Fertigstellung im Jahr 2025 werden wir allein über 600.000 Kubikmeter Beton vergossen haben und 65.000 Tonnen Bewehrungsstahl verbauen. Daraus ließen sich acht Mal das Frankfurter Fußballstadion oder neun Eiffeltürme errichten. Herausragend aber ist in meinen Augen auch die Internationalität des Projekts. Gesellschaften aus neun verschiedenen Ländern und dem assoziierten Großbritannien wollen dieses Projekt gemeinsam realisieren. Da ist enorm viel Kommunikation, Koordination und Abstimmung gefragt, was eine ganz besondere Anforderung an das Projektmanagement stellt.

Heißt das, das Projektmanagement übernimmt in erster Linie die Funktion einer Bauleitung?

Blaurock: Die Errichtung der FAIR Anlage ist eines von vier gleichwertigen strategischen Zielen, die wir simultan auf dem Campus in Darmstadt verfolgen. Wir modernisieren außerdem die bestehende GSI-Anlage; sie wird später die erste Beschleunigungsstufe von FAIR. Außerdem entwickeln wir die Campusinfrastruktur weiter. Hier sollen zukünftig über 3.000 Wissenschaftler aus über 50 Ländern arbeiten. Gleichzeitig läuft die erste Stufe des wissenschaftlichen Experimentierprogramms, die FAIR Phase 0. Das Projektmanagement hat also weit mehr zu tun als eine klassische Bauleitungsfunktion – mit der Projektorganisation, der integrierten Terminplanung und damit, die Bauplanung und Bauausführung zu managen, die weltweite Lieferung der vielen technischen Komponenten zu steuern und die strukturierte Installation bis hin zur Inbetriebnahme sicherzustellen. Dabei sind gleichzeitig die Schnittstellen zu den laufenden Forschungsvorhaben und dem Ausbau der Campusinfrastruktur zu bedienen.

Wie gut liegen Sie im Zeitplan?

Blaurock: Im vergangenen Jahr haben wir mit dem Bau von FAIR begonnen. Die Bautätigkeit läuft sehr gut, und auch das Procurement, die Beschaffung der vielen Bestandteile, funktioniert insgesamt zufriedenstellend. Dazu muss man wissen, dass viele Elemente des Teilchenbeschleunigers „First-of-its-kind“-Komponenten sind, also wirklich neu entwickelte Materialien, die vor der Serienproduktion entsprechend getestet werden. Die Beschaffung erfolgt international in verschiedenen Ländern. Aufgrund des Projektumfangs ergeben sich hohe Anforderungen an die Logistik und viele spezielle Fragestellungen. Zum Beispiel: Wo und in welcher Reihenfolge werden die Teile am sinnvollsten bis zur Endmontage gelagert? Welches ist die geeignetste Installationsfolge? Wir haben dazu den Prozess Lean-Construction-Management eingeführt, um die Steuerung systematisch mit entsprechender IT-Unterstützung durchzuführen. Lieferterminveränderungen werden so mitbetrachtet und bestmöglich in den Arbeitsablauf integriert. Von daher bin ich insgesamt zuversichtlich hinsichtlich eines gut strukturierten und optimierten Terminablaufs.

Sie waren früher im Großanlagenbau der freien Wirtschaft tätig. Inwiefern unterscheiden sich dazu Projekte im Forschungsumfeld?

Blaurock: Bei einem Forschungsneubauprojekt wie FAIR sind naturgemäß viele einzigartige und neu zu entwickelnde Komponenten enthalten, da das Ziel ist, neue Horizonte der Wissenschaft zu erreichen. Dieses bedeutet dann auch, dass die Projektlaufzeit eines Forschungsneubauprojekts deutlich länger ist als bei einem Industrieprojekt, in dem vorrangig möglichst standardisierte und langfristig erprobte Elemente eingesetzt werden, um möglichst schnell ein Produktionsziel zu erreichen. Die ersten Überlegungen zur neuen FAIR Beschleunigeranlage hat es in den 1990er Jahren gegeben, bevor in den 2000er Jahren schließlich mit der Realisierung begonnen wurde – zunächst mit den technischen Bestandteilen. Für die Bauphase gehen wir von einer Zeitgrößenordnung von acht Jahren aus. Daher ist es sehr wichtig, im Falle einer solch langen Projektlaufzeit bei allen Projektbeteiligten die Unterstützung und das Commitment zu den wissenschaftlichen Zielen des Projekts kontinuierlich zu bestärken und zu fördern.

Wie lassen sich internationale Mega-Projekte zum Erfolg führen?

Blaurock: Meine Empfehlung ist ein möglichst früher Einstieg des Projektmanagements, um das Aufsetzen des Projekts erfolgreich zu gestalten. Dann braucht es natürlich eine gute Projektorganisation und -strukturierung für die Erfassung des Projektumfangs und eine entsprechende Ressourcen- und Budgetplanung. Daneben hilft eine sehr operative Handlungs- und Kommunikationsmentalität, um in einem internationalen Projekt die unterschiedlichen Kulturen, Erfahrungen und Interessen abzuholen. In unserem Projekt haben die beteiligten neun Länder naturgemäß ihre eigene Dynamik, insofern spielt die Agilität des Projektteams hier eine große Rolle. Bei FAIR gelingt es uns meiner Meinung nach sehr gut, eine integrierte Projektkultur, einen ausgeprägten Teamspirit und ein starkes Momentum für die Projektrealisierung zu leben.

 

Kurzbiografie

Jörg Blaurock ist seit Anfang 2016 erster gemeinsamer Technischer Geschäftsführer der GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH sowie der FAIR (Facility for Antiproton und Ion Research in Europe) GmbH in Darmstadt. Zuvor war er mehr als 20 Jahre im internationalen Großanlagenbau tätig, übernahm die vollständige Planung, Lieferung und Montage technischer Großanlagen, z.B. petrochemischer Industrieanlagen an verschiedenen internationalen Standorten oder die schlüsselfertige Lieferung von Großdampferzeugern für Kraftwerke zur Stromerzeugung. Jörg Blaurock hat Maschinenbau an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg studiert.

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