Artificial Intelligence in der Projektarbeit – Chance oder Risiko?

– Expertenmeinung –

Künstliche Intelligenz hält auch in der Projektarbeit Einzug. Wo stehen wir? Wohin geht die Reise? Reinhard Wagner schaut für uns genauer hin und betrachtet einzelne Aspekte. 

Tiba Magazin – Ausgabe 2/2018

Künstliche Intelligenz, oder Artificial Intelligence (AI), begleitet uns bereits seit vielen Jahren (siehe Infobox unten). Neuen Schwung hat das Thema aufgrund der rasanten Entwicklung des Internets und den damit verbundenen Möglichkeiten bekommen. Heute bestimmt KI wieder die öffentliche Diskussion. Insbesondere in den „sozialen Medien“ nimmt ein Szenario breiten Raum ein, in dem Computer mit ihren Programmen den Menschen in seinem Arbeitsumfeld ersetzen. Während in den Anfangsjahren von AI Computer-Programme schlicht eine große Zahl komplexer Wenn-Dann-Aufgaben gelöst haben, sind Programme der heutigen Generation von AI unserem Gehirn nachempfunden. Diese „Neuronalen Netzwerke“ gehen selbständig über Mustererkennung vor (u.a. mit Hilfe von Sprache, Bildern und anderen Signalen) und optimieren sich ständig weiter. Damit ist die Lösung komplexer Aufgaben und „Deep Learning“ möglich.

Die Anwendungsmöglichkeiten scheinen unbegrenzt zu sein. So können mit Hilfe von AI Krankheiten diagnostiziert und entsprechende Behandlungen vorschlagen werden. Investmententscheidungen werden mit Hilfe von AI vorbereitet oder mit großer Geschwindigkeit automatisch getroffen, ohne dass hierfür ein Mensch nötig wäre. Autos fahren selbständig, auch in komplexen Verkehrssituationen, wie von Geisterhand gesteuert, Transportleistungen werden mit Hilfe von AI optimiert und automatisch über elektronische Zahlsysteme abgerechnet.

Artificial Intelligence im Arbeitsalltag

Wird AI den Menschen in der Arbeitswelt verdrängen? Welche Rolle spielt AI in der Zukunft für das Projektmanagement? Macht es gar den Projektmanager entbehrlich? Diese und weitere Fragen stellen sich im Zusammenhang mit dem Einsatz von AI in der Projektarbeit bzw. im Projektmanagement.

Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir uns mit den Voraussetzungen für den Einsatz von AI in unserem Arbeitsalltag auseinandersetzen, die Besonderheiten der Projektarbeit beleuchten und ableiten, welche Chancen und Risiken dies für uns alle haben kann.

AI basiert auf Computerprogrammen, die logische Operationen durchführen und dazu jede Menge an Input benötigen. Input ist heutzutage in sehr großer Anzahl vorhanden. Eine Vielzahl von Sensoren liefert eine Flut von Daten („Big Data“), die durch AI in hoher Geschwindigkeit verarbeitet, miteinander verglichen und bewertet werden können. Mit Hilfe von „Data-Mining“ können Muster in großen Datenmengen erkannt und so maschinelles Lernen ermöglicht werden. AI kann seine Stärken also vor allem dort ausspielen, wo große Datenmengen verfügbar sind und diese Muster erkennen lassen.

Der Mensch ist dazu da, entsprechende Aufgaben zu stellen, erkannte Muster zu verifizieren und dem Computerprogramm entsprechende „Rückmeldungen“ zu geben, damit dieses seine Algorithmen weiterentwickeln kann. Diese Rückmeldung kann indirekt geschehen, beispielsweise dadurch, dass man im Internet bei einem Versandhändler bestimmte Produkte anklickt oder bestellt. So kann ein bestimmtes Kaufverhalten erkannt und dem Kunden vergleichbare Produkte angeboten werden.

Mensch bleibt wichtigster Faktor

AI setzt also die Interaktion mit Menschen voraus. Sie entwickelt sich nur durch eine intensive Interaktion weiter. Durch sein Verhalten kann der Mensch Einfluss nehmen auf AI und damit AI für sich nutzbar machen. Jedoch erschließen sich für die meisten Menschen die Algorithmen der AI nicht, es herrscht deshalb häufig noch Ablehnung und Skepsis vor. Nur wenige Experten verstehen Aufbau und Programmierung der für die Anwendung von AI nötigen Programme. Eine weitere Verbreitung setzt also Aufklärung und den Aufbau entsprechender Kompetenzen im Umgang mit AI voraus.

AI stößt jedoch an seine Grenzen, wenn es um menschliches Verhalten geht, wenn Abläufe unberechenbar sind und sich dynamisch verändern. Sind nur wenige Daten verfügbar und müssen schwache Informationen interpretiert werden, dann ist der Mensch mit seiner Intuition der AI (noch immer) überlegen. Dies wird auch in der Zukunft bleiben. Die Angst, dass AI den Menschen ersetzen könnte, ist damit unberechtigt. Die Kommunikation mit einem Computerprogramm ist für Menschen eher mühsam, unpersönlich, es fehlen Empathie und das Gefühl von Vertrauen. Beziehungen können deshalb nur zwischen Menschen entstehen. AI ist Hilfsmittel, unterstützt die Arbeit und hilft dem Menschen die Flut von Informationen aufzubereiten und für Entscheidungen bereitzustellen.

Artificial Intelligence in der Projektarbeit – Chance oder Risiko?

Wie kann AI nun Projektarbeit unterstützen? Sicherlich bei einer Reihe von Routine-arbeiten, so z.B. bei der Analyse der Ausgangssituation sowie möglicher Varianten des Business Cases, bei der Erstellung von Planungsunterlagen (auf der Basis von abgeschlossenen Projekten und verfügbarer Informationen) sowie von technischen Dokumenten, bei Erfassung und Bewertung von Controlling-Daten und Vorbereitung von Entscheidungen im Projekt. Also überall da, wo die Stärken der AI zum Tragen kommen.

Nichtsdestotrotz muss der Projektmanager lernen, entsprechend Vorgaben für die AI zu machen, Ergebnisse der Algorithmen auf ihre Plausibilität zu überprüfen und ggf. Korrekturen vorzunehmen. Hierzu sollten entsprechende Kompetenzen bei dem Projektmanager aufgebaut werden. Überall da, wo es um die Zusammenarbeit geht, wo Beziehungen, zwischenmenschliche Kommunikation und gezielter Aufbau von Vertrauen gefragt sind, da wird ein Projektmanager auch weiter unverzichtbar sein.

Die Vorteile des Einsatzes von AI in der Projektarbeit sind in der Entlastung des Projektmanagements von Routineaufgaben zu sehen, in der Aufbereitung einer wahren Flut von Informationen, in der Unterstützung beim schwierigen Prozess der Entscheidungsfindung und in der generellen Transparenz, die mit AI erreichbar ist.

Dem steht jedoch eine Zahl von Nachteilen gegenüber. So verschwimmt zunehmend die Grenze zwischen persönlichen und für das Projekt nützlichen Informationen. Wird eine Information preisgegeben, so ist nicht immer klar, wer diese letztlich sehen kann und ob diese nicht missbraucht wird. Einerseits kann mit Hilfe von AI Transparenz im Projekt geschaffen werden, anderseits ist für den Anwender nicht immer ersichtlich, wie die Daten im Rahmen der AI verarbeitet werden. Solange der Anwender, also ein Projektmanager, nicht selbst Einfluss auf das Computerprogramm hat, solange wird das Misstrauen bleiben.

Artificial Intelligence – von der Vision zur Realität

AI wird Einzug ins Projektmanagement halten, Projektmanager werden aber sicher nicht (so schnell) von AI verdrängt. Unter Umständen wird durch den Einsatz von AI weniger Planungsaufwand nötig sein, weniger Arbeit im Projektcontrolling und der Zusammenstellung entsprechender Dokumente. Dadurch wird der Projektmanager entlastet und kann sich auf andere Aufgaben stärker konzentrieren. Möglich ist, dass Mitarbeiter durch den Einsatz von AI in den Bereichen von Planung, Controlling und Dokumentation eingespart werden können. Dies hängt sicherlich von Inhalt und der Wiederholrate der Projekte ab. Gibt es genügend Informationen aus vergleichbaren Projekten, dann kann AI quasi „aus dem Vollen schöpfen“ und Informationen für die Analyse, Planung und die Steuerung wiederverwenden. Ist das Projekt jedoch eher einzigartig, geht es mehr um soziale Aspekte der Arbeit in und mit Projekten, dann wird der Mensch stärker gefragt sein.

Derzeit gibt es noch relativ wenige Anwendungsbeispiele von AI in Projekten bzw. im Projektmanagement. Nichtsdestotrotz werden in einschlägigen Fachzeitschriften und in Sozialen Medien schon Szenarien heraufbeschworen, die den Projektmanager als „aussterbende Art“ sehen. Hier ist Skepsis angebracht. Wie oben aufgezeigt, braucht es den Projektmanager auch weiterhin, AI ist Unterstützung für Projektmanagement und nicht Ersatz. Wie schnell diese Unterstützung in konkreten Projekten Einzug hält wird einerseits von der Schulung von Projektmanagern im Umgang mit AI abhängen, anderseits von der konkreten Ausgestaltung der Schnittstelle zwischen AI und dem Menschen. Eine benutzerfreundliche Bedienung, die Veränderung von Parametern der Informationsverarbeitung durch den Menschen und die volle Transparenz über die angewendeten Algorithmen entscheiden sicherlich, wie schnell aus der Vision dann Realität wird.

Fazit

Langfristig wird AI in der Projektarbeit Freiräume schaffen, damit sich Projektmitarbeiter und -leiter auf die wesentlichen Aufgaben konzentrieren können. Den Mensch ersetzen werden diese Lösungen dabei keineswegs – gerade in Projekten müssen immer wieder Aufgaben ganzheitlich betrachtet und Zusammenhänge erkannt werden, die eine künstliche Intelligenz in diesem Umfang nicht aufweisen kann. Auch, weil Rahmenbedingungen wie Gesetze und Vorgaben, aber auch Kundenanforderungen einem stetigen Wandel unterzogen sind. AI unterstützt den Menschen dabei durch mehr Transparenz und versetzt ihn so in die Lage, Entscheidungen schneller und fundierter zu treffen.

Damit werden Projekte, aber auch Menschen in der Projektarbeit von der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine profitieren.

Autor: Reinhard Wagner, Geschäftsführer, Tiba Managementberatung GmbH
Email: reinhard.wagner(at)tiba.de

Artificial Intelligence im Rückblick

Die Wissenschaft beschäftigt sich schon seit der Aufklärung mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine. So beschreibt beispielsweise der Franzose Julien Offray de La Mettrie in seinem Werk „L’homme machine“ schon im Jahr 1748 die menschliche Seele als Resultat komplexer Körperfunktionen sowie Ergebnis einer biologischen Entwicklung. Im Jahr 1950 griff dann Alan Turing in „Computer machinery and intelligence“ die Problematik der künstlichen Intelligenz im Zusammenhang mit Computern auf und schlug den Turing-Test als Antwort auf die Frage vor, ob eine Maschine dem Menschen vergleichbar denkfähig ist. Dieser Test betrachtet die Antworten einer Maschine im Dialog mit einem Menschen. Wenn dieses von einem menschlichen Verhalten nicht unterscheidbar ist, soll nach Turing von maschineller bzw. Künstlicher Intelligenz gesprochen werden.

 

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