Herausforderung in der virtuellen Weiterbildung – Wie virtuelle Lernvermittlung innovativ gestaltet werden kann

Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt grundlegend auf den Kopf gestellt. Die ersten Anpassungshürden für den Arbeitsalltag im „new normal“ wurden gemeistert: im Home Office haben wir uns eingerichtet, Sätze wie „könnt ihr meinen geteilten Bildschirm sehen“ haben wir in unser Repertoire aufgenommen und so langsam haben wir uns auch daran gewöhnt uns zu entmuten, bevor wir im virtuellen Meeting sprechen wollen. Insbesondere der Bildungssektor musste im Rahmen dessen komplett neu strukturiert und Präsenztrainings in virtuelle Weiterbildungen übertragen werden.

Viel hat sich getan seit März 2020, es ist an der Zeit zu reflektieren: Was sind die Herausforderungen der virtuellen Weiterbildung und welche Möglichkeiten gibt es, die virtuelle Lernvermittlung innovativ zu gestalten?

Herausforderung 1: Überwindung der physischen, sozialen und kulturellen Distanz

Bei Live-Online Trainings treffen sich die Lernenden zur gleichen Zeit (synchron) in einer virtuellen Umgebung unter Anwendung von digitalen Tools; Trainer:in und Teilnehmer:innen befinden sich an verschiedenen Orten. Daraus ergeben sich viele Vorteile, aber auch Grenzen. Der erste kurze Small-Talk und ein informelles Kennenlernen in der Kaffeeküche vor Trainingsbeginn entfallen. Viele Teilnehmer: innen lernen ihre Mitstreiter erst zum Trainingsbeginn kennen und haben keine persönlichen Verbindungen zueinander. Diese physische Distanz bewirkt eine emotionale Distanz (vgl. Heitmann, 2021). Wenn dann auch noch die Kamera ausbleibt und man eigentlich gar nicht weiß, mit wem man es im virtuellen Raum zu tun hat, beschäftigt man sich mit allem nebenbei, außer mit den Trainingsinhalten. Langweiliges ermüdet schnell, wohingegen uns positive Erlebnisse oder emotional aufgeladene Situationen besser in Erinnerung bleiben (vgl. Roth, 2015). Nachhaltiges Lernen findet also auch auf einer emotionalen Ebene statt. Eine positive Lernatmosphäre und ein Vertrauensverhältnis zu Trainer:in sowie den anderen Teilnehmer:innen beeinflussen den Lernerfolg (vgl. Roth, 2015).

Lösung  1: Online Warm-Ups (a.k.a Icebreaker)

Kommunikation von Angesicht zu Angesicht verbindet stärker als ein virtuelles Gespräch (vgl. Heitmann, 2021).

Um dem fehlenden sozialen Miteinander in der virtuellen Lernvermittlung entgegen zu wirken, bieten sich sog. warm-ups (a.k.a icebreaker an. Diese kurzen und einfachen Formate eignen sich zum Kennenlernen, um Gemeinsamkeiten festzustellen oder um ein Training auf lockere Art und Weise zu beginnen. Dieses erste Socializing und Eisbrechen ist online noch wichtiger als offline, um die Monitorbarriere zu überwinden (vgl. Heitmann, 2021). Es sorgt dafür, dass sich die Teilnehmer:innen wohlfühlen und mit einer positiven Einstellung das Training beginnen

Beginnen Sie ihre virtuelle Weiterbildung mit einer Gefühlsabfrage. Wie geht es den Teilnehmer:innen? Lassen Sie hierfür jede Teilnehmer:in ein Emoji/Gif in den Chat des virtuellen Tools posten, der sein/ihr aktuelles Befinden widerspiegelt. Oder zeigen Sie eine Folie mit verschiedenen Tieren und fragen Sie: „Welches Tier bist Du heute? Und Warum?“

Tipp: Sprechen Sie Auffälligkeiten an. Dadurch merken die Teilnehmenden, dass Sie sich für sie interessieren

Herausforderung 2: Aufrechterhaltung der Aufmerksamkeit

Die im Vergleich zu Präsenzveranstaltungen intensivere inhaltliche Fokussierung ist äußerst anstrengend. (vgl. Prohaska, 2021). Außerdem können eine hohe Anzahl virtueller Meetings zu Erschöpfung und Stresssymptomen führen. Grund hierfür ist die sogenannte „self-focused attention“ – die selbstbezogene Aufmerksamkeit – die sich darin äußert, dass man sich kontinuierlich selbst betrachtet und diese intensive Selbstspiegelung ein starkes Stressgefühl auslöst (vgl. Hancock et al., 2021). Dies vermindert den Fokus auf die wesentlichen Inhalte des Gesprächs oder des Trainings (vgl. Prohaska, 2021).

Möglichkeit 2: Aktivierung ALLER Teilnehmer:innen

„Da unsere Aufmerksamkeitsspanne in der digitalen Welt der eines Goldfisches ähnelt, sollte im Gespräch alle sieben Minuten eine Veränderung stattfinden.“ (Heitmann, 2021).
Wechseln Sie also in virtuellen Settings alle 10-15 Minuten, wenn möglich alle 7 Minuten, die Methode. Dabei reicht schon eine Frage aus oder eine direkte Ansprache, um die Teilnehmer:innen aktiv werden zu lassen. Machen Sie mindestens eine Pause pro Stunde und vermeiden Sie lange monotone Vortragsweisen (vgl. Prohaska, 2021). Interaktive Elemente, bei denen sich die Teilnehmer:innen aktiv und selbstständig mit den Lerninhalten auseinandersetzen müssen, helfen dabei die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten und die Lerninhalte nachhaltig zu verankern. Erteilen Sie Gruppenarbeitsaufträge, die in Breakout Rooms selbst erarbeitet und anschließend präsentiert werden müssen.

Tipp: Teilen Sie die Inhalte so auf, dass jeder in der Gruppe für einen anderen Themenbereich/Aufgabe verantwortlich ist. So ist das Gruppenergebnis von der Arbeit aller Mitglieder abhängig.

 Herausforderung 3:  Veränderte Kompetenzen der Trainer:in

Bei virtuellen Weiterbildungen spielt neben den Trainingsinhalten und der Interaktion auch die Technik eine große Rolle. Trainer:innen müssen gleichzeitig Inhalte vermitteln, Gruppenräume einrichten und am besten noch ein interaktives Collaboration Tool verwenden. “In Onlinemeetings gibt es technisch nichts, was nicht schiefgehen kann“ (vgl. Heitmann, 2021). Trainer:innen brauchen deshalb ein tieferes technisches Verständnis (vgl. Prohaska, 2021).  Außerdem konnten Trainer:innen früher ihre Veranstaltungen oft aus dem Geschehen heraus gestalteten, heute müssen sie in der Lage sein, Gruppenprozesse im digitalen Umfeld zu steuern. Dies erfordert umfangreichere didaktische Kompetenzen und ein klareres Verständnis von Zielgruppe sowie der Lernziele (vgl. Prohaska, 2021).

Möglichkeit 3: Exzellente Vorbereitung

Die Qualität von Live-Online Trainings steht und fällt mit Ihrer Vorbereitung. Stellen Sie sicher, dass die Technik reibungslos funktioniert, Ihr Meeting klar strukturiert ist, Sie mit den Inhalten vertraut sind und dass auch Ihr Erscheinungsbild den Anforderungen eines virtuellen Trainings entspricht (vgl. Heitmann, 2021). Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Innerhalb der ersten Minuten war Ihnen bewusst, ob eine Lehrer:in Ihnen kompetent und sympathisch erscheint. Dieser erste Eindruck muss auch im Videocall stimmen. Testen Sie im Vorfeld Ihre Kamera, Ton und wie Sie virtuell auf andere wirken. Ihr Ziel sollte sein, authentisch und sympathisch zu wirken (vgl. Heitmann, 2021).

Tipp: Setzten Sie einen sog. virtuellen Producer als Co-Trainer ein. Eine weitere Person kann einen reibungslosen Ablauf des Trainings sicherstellen, Ansprechpartner für Teilnehmeranliegen sein und durch die Übernahme von Trainingsinhalten die Interaktivität steigern.

Online Live Trainings sind im Dezember 2021 aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Nehmen Sie sich unsere Tipps zu Herzen: Verwenden Sie Icebreaker, lassen Sie Ihre Teilnehmer:innen aktiv werden, bereiten Sie Ihr Training akribisch vor und vor allem, bleiben Sie authentisch und haben Sie Spaß am Trainieren in der virtuellen Welt.

►  Lesen Sie, wie die Trainer:innen der Tiba diese Transformation erlebt haben.

Autorin: Verena Scherl, Coordinator Digital Training

[1] Virtuelle Weiterbildungen können grundsätzlich zwischen virtuellen Live-Trainingsformaten und E-Learnings zum Selbstlernen unterschieden werden. Der wichtigste Unterschied betrifft die Art der Interaktion. Ein Live-Online Training läuft synchron im digitalen Raum ab, eine kleine Gruppe kommt über ein Videokonferenz Tool mit einem Trainer zusammen. Bei E-Learnings werden die Lerninhalte online automatisiert zur Verfügung gestellt und zum Selbststudium genutzt (asynchron). Die folgenden Paragrafen beziehen sich auf virtuelle Live-Trainingsformate.

Literaturverzeichnis:

Hancock et al. (2021). Nonverbal Mechanisms Predict Zoom Fatigue and Explain Why Women Experience Higher Levels than Men (SSRN-id3820035.pdf)

Heitmann, A. (2021). Online-Meetings, die begeistern! Digitale Rhetorik mit Spaß und Struktur. (Haufe).

Huggett, C. (2014). The Virtual Training Guidebook. How to Design, Deliver, and Implement Live Online Learning. (ASTD Publications).

Prohaska, S. (2021). Training und Seminare im digitalen Wandel. Der E-Learning-Kompass für erfolgreiche Schulungskonzepte. (Junfermann).

Roth, G. (2015). Bildung braucht Persönlichkeit Wie Lernen gelingt. (Klett-Cotta).

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.